Foto: Olaf Heine
Deep Purple müssen auf ihrem 24. Studioalbum nicht beweisen, dass sie noch immer wie früher klingen. Sie lösen die schwierigere Aufgabe: Sie passen ihre alten Stärken an die heutige Band an, ohne daraus eine Kopie ihrer Vergangenheit zu machen.
Bei einer Band wie Deep Purple liegt die falsche Frage immer griffbereit:
Können sie es noch?
Die Frage klingt kritisch, ist aber bequem. Sie verlangt lediglich, dass eine fast sechs Jahrzehnte alte Band mit ihrer eigenen Vergangenheit konkurriert. Jeder neue Song wird neben „Highway Star“, „Lazy“ oder „Smoke On The Water“ gestellt – und verliert bereits deshalb, weil er nicht seit fünfzig Jahren Teil der Rockgeschichte ist.
SPLAT! verweigert sich diesem Wettkampf nicht vollständig. Deep Purple wissen sehr genau, welche Erwartungen mit ihrem Namen verbunden sind. Ian Gillan selbst zieht Verbindungen zur Dynamik und Spielfreude der Jahre 1969 bis 1973. Gleichzeitig ist das am 3. Juli erschienene Album das zweite der Band mit Gitarrist Simon McBride und erneut eine Zusammenarbeit mit Produzent Bob Ezrin. Es handelt sich also nicht um die Rückkehr einer alten Besetzung, sondern um die Festigung einer gegenwärtigen.
Gerade darin liegt die eigentliche Qualität des Albums.
Deep Purple versuchen nicht, jünger zu wirken. Sie versuchen, beweglich zu bleiben.
Die Vergangenheit wird zum Arbeitsmaterial
„Arrogant Boy“ eröffnet das Album ohne vorsichtige Annäherung. Ian Paice treibt den Song an, Don Aireys Orgel drängt nach vorn, und Simon McBride antwortet nicht mit ehrfürchtiger Zurückhaltung, sondern mit einem Gitarrenspiel, das seinen Platz innerhalb der Band inzwischen gefunden hat.
Der Song erinnert an jene schnellen Deep-Purple-Eröffnungen, die ein Album nicht langsam aufbauen, sondern sofort in Bewegung versetzen. Trotzdem wirkt er nicht wie eine historische Nachstellung. Das liegt vor allem daran, dass McBride nicht versucht, Ritchie Blackmore oder Steve Morse akustisch zu verkörpern.
Er verändert das Kräfteverhältnis.
Seine Riffs sind direkter und kompakter als viele der weit ausgreifenden Linien seines Vorgängers. Dadurch rückt auch das alte Deep-Purple-Prinzip wieder stärker in den Mittelpunkt: Gitarre und Orgel sind keine Begleitung füreinander, sondern zwei Stimmen, die um die Führung eines Songs kämpfen.
Besonders deutlich wird das in „Diablo“. McBride und Airey werfen sich Motive zu, unterbrechen einander und treiben die Musik weiter. Die Soli stehen nicht außerhalb des Songs wie nachträglich eingerichtete Vorführflächen. Sie entstehen aus seiner Bewegung.
Das ist kein kleines Detail. Deep Purple leben seit jeher davon, dass virtuose Musiker nicht bloß nebeneinander spielen. Ihre Musik braucht Reibung. Sobald einer allein den Raum beherrscht, wird aus dem Zusammenspiel schnell routinierter Hardrock.
Auf SPLAT! arbeitet die neue Besetzung hörbar daran, diese Reibung wieder produktiv zu machen. Auch andere Besprechungen heben gerade den Dialog zwischen McBride und Airey sowie die kompakte Konstruktion der Stücke hervor. Keiner der 13 Titel überschreitet die Fünf-Minuten-Marke.
Bob Ezrin kürzt, ohne die Band kleinzumachen
Die Kürze ist eine der wichtigsten Entscheidungen des Albums.
Deep Purple waren nie nur eine Songband. Ihre Stücke konnten zu Räumen werden, in denen sich Instrumentalisten gegenseitig herausforderten. Genau daraus entstand ein Teil ihrer Größe – aber auch die Gefahr, dass musikalische Freiheit mit Länge verwechselt wird.
Produzent Bob Ezrin setzt an dieser Stelle eine Grenze.
Die Songs dürfen spielen, aber sie dürfen sich nicht ausruhen. Ein Gitarrenlauf muss etwas öffnen. Ein Orgelsolo muss die Spannung verändern. Ein Tempowechsel braucht eine Funktion. Wo frühere Deep-Purple-Aufnahmen manchmal den Eindruck erweckten, ein Stück könne jederzeit noch eine weitere Runde drehen, setzt SPLAT! häufiger auf den gezielten Ausstieg.
Gillan beschrieb Ezrins Rolle entsprechend: Der Produzent beende Diskussionen über Arrangements und streiche Passagen, die der Musik nicht dienten.
Das Ergebnis ist nicht klein oder vorsichtig. Es ist konzentriert.
Die offizielle Ankündigung bezeichnet SPLAT! als das härteste Deep-Purple-Album seit vielen Jahren und betont, dass die Musiker gemeinsam im Studio spielten. „Härte“ bedeutet hier allerdings nicht, dass die Band plötzlich modernen Metal spielt. Das Album ist schwer, weil die Instrumente enger zusammenrücken und die Songs weniger Leerlauf zulassen.
„Guilt Trippin’“ zeigt diesen Mechanismus besonders gut. Der Song beginnt nicht sofort mit dem erwartbaren Hardrock-Angriff, sondern öffnet zunächst einen anderen Raum. Klavier, Rhythmus und Stimme lassen Spannung entstehen, bevor die Band die Kontrolle scheinbar lockert und das Stück in ein dichteres Zusammenspiel kippt.
Die Musik wirkt dabei nicht deshalb lebendig, weil niemand sie kontrolliert.
Sie wirkt lebendig, weil die Kontrolle nicht mehr im Vordergrund steht.
Ian Gillan muss seine Jugend nicht nachspielen
Auch Ian Gillans Stimme erzählt diese Geschichte.
Er singt nicht mehr mit derselben Reichweite und derselben körperlichen Angriffslust wie auf den klassischen Aufnahmen der Siebziger. Das Album versucht nicht, diese Veränderung durch Studiotechnik oder übertriebene Dramatik zu verdecken.
Gillan nutzt andere Mittel.
Seine Stimme besitzt heute mehr Wärme, erzählerische Ruhe und trockenen Humor. Er muss einen Song nicht mehr allein durch Höhe überwältigen. Er kann Figuren entstehen lassen, Sätze leicht verschieben und eine Pointe so beiläufig platzieren, dass sie erst nach dem Refrain ihre Wirkung entfaltet.
In „The Only Horse In Town“ wird das Altern nicht als große Bilanz ausgesprochen. Gillan erzählt von einer Figur, die scheinbar am Ziel angekommen ist und feststellen muss, dass der Ort beinahe verlassen ist. Übrig bleibt ein altes Pferd – und gerade zwischen diesen beiden erschöpften Überlebenden entsteht Nähe.
Das ist stärker als jede allgemeine Durchhalteparole.
Der Song sagt nicht: Wir sind noch da.
Er fragt, was das Dasein bedeutet, wenn der Raum um einen herum leerer geworden ist.
Auch „Jessica’s Bra“ folgt Gillans alter Freude an schiefen Beobachtungen, Wortspielen und leicht absurden Situationen. Hier erreicht das Album allerdings eine seiner Grenzen. Nicht jede Pointe trägt über ihren ersten Einfall hinaus. Wo „The Only Horse In Town“ aus einer skurrilen Szene eine menschliche Beobachtung entwickelt, bleibt „Jessica’s Bra“ näher an der Kneipenepisode.
Das kann man charmant finden. Man kann darin aber auch den Moment hören, in dem die Lockerheit der Band in Selbstzufriedenheit zu kippen droht. Die erzählerische Stärke und der bewusst alberne Humor des Albums werden auch in zeitgenössischen Besprechungen unterschiedlich gewichtet.
Das große Konzept bleibt kleiner als die Songs
Ian Gillan entwickelte für SPLAT! die Vorstellung vom Ende der Menschheit nicht als Zerstörung, sondern als Übergang in eine andere Existenzform. Das klingt nach einem schweren, beinahe philosophischen Konzeptalbum.
Die Platte selbst ist zum Glück weniger geschlossen.
Ihre stärksten Momente entstehen nicht dort, wo sie eine große Aussage über die Menschheit formuliert. Sie entstehen in den einzelnen Figuren, Instrumentalgesprächen und kleinen Verschiebungen. Das angekündigte Konzept verbindet die Songs eher lose, als dass es jeden Titel dramaturgisch bestimmt. Auch andere Kritiken beschreiben das Album stärker als Sammlung kompakter Charakterstücke denn als vollständig ausgeführtes Konzeptwerk.
Das ist keine Schwäche, solange man SPLAT! nicht an einem Anspruch misst, den die Musik selbst kaum erhebt.
Deep Purple waren häufig dann am überzeugendsten, wenn große musikalische Gesten und eigentümlich kleine Geschichten aufeinandertrafen. Eine Orgel konnte klingen, als öffne sich der Himmel, während Gillan über einen merkwürdigen Mann, eine missverständliche Begegnung oder eine schlecht durchdachte Entscheidung sang.
Diese Spannung bleibt auch 2026 produktiv.
Die Band liefert keine abschließende Erklärung über das Menschsein. Sie zeigt fünf Musiker, die ihre unterschiedlichen Möglichkeiten so organisieren, dass daraus noch immer Bewegung entsteht.
Nicht Bewahrung, sondern erneute Verhandlung
SPLAT! ist kein Meisterwerk, das die großen Deep-Purple-Alben aus ihrer historischen Position verdrängen wird.
Das muss es auch nicht sein.
Seine Leistung liegt woanders: Das Album behandelt den klassischen Bandklang nicht wie ein Museumsexponat. Orgel, Gitarre, Bass, Schlagzeug und Stimme sind weiterhin erkennbar Deep Purple. Aber ihre Beziehungen untereinander werden neu verhandelt.
Simon McBride ist nicht mehr der Mann, der Steve Morse ersetzt. Er ist der Gitarrist dieser Besetzung. Don Airey muss Jon Lords Platz nicht verwalten, sondern kann McBride eine eigene Gegenstimme anbieten. Ian Gillan versucht nicht, seinen jüngeren Körper zu imitieren, sondern baut Songs um die Ausdrucksmöglichkeiten seiner heutigen Stimme. Bob Ezrin sorgt dafür, dass aus Spielfreude keine Bequemlichkeit wird.
Darin liegt die künstlerische Lösung des Albums.
Deep Purple bleiben nicht lebendig, weil sie ihren alten Klang möglichst unverändert konservieren.
Sie bleiben lebendig, weil sie ihn noch einmal unter Druck setzen.
Fazit
SPLAT! klingt nach einer Band, die ihre Geschichte kennt, aber nicht ständig vor ihr salutiert. Die stärksten Stücke verbinden kompakte Arrangements mit offenem instrumentalen Spiel. Nicht alles ist gleich zwingend, und gelegentlich wird aus Gelassenheit eine etwas zu bequeme Pointe.
Doch das Album besitzt etwas, das sich nicht durch bloße Erfahrung herstellen lässt: gegenwärtige Energie.
Deep Purple spielen nicht wie eine junge Band.
Sie spielen wie eine alte Band, die herausgefunden hat, dass Alter kein Klang sein muss.
